Liederkranz-Sängerbund
Am Ende des zweiten Weltkrieges schien auch das Ende der gesamten Vereinsgeschichte gekommen zu sein, zunächst waren von der damaligen Militärregierung alle Vereinstätigkeiten untersagt. Doch ein Neubeginn wurde bewerkstelligt. Dabei erwarben sich Max Gros sen., Friedrich Crocoll (später Ehrenvorstand) und Emil Crocoll besondere Verdienste. Wieder zeigten die Sänger in besonderer Not ihre Stärke durch Einigkeit. Denn aus Resignation mit dem Singen aufzuhören, daran dachte trotz der aussichtslosen Lage keiner der aus dem Krieg zurückgekommenen Sänger. Das Erbe der Väter von vor 100 Jahren aufzugeben, das wollte niemand.
So fanden sich am 2. Februar 1946 Sänger der Vereine Liederkranz und Sängerbund Welschneureut unter dem Dirigenten Heinrich Clauss im Gasthaus "Feldschlößchen" zusammen, nachdem die Militärregierung Anfang 1946 eine vorläufige Genehmigung zur Wiederaufnahme der Sangesproben erteilt hatte, um ihre l. Singstunde zu vereinbaren.
Seit dieser Zeit trägt der Verein den Namen Liederkranz-Sängerbund Neureut-Süd. Friedrich Crocoll wurde (1946 - 1953) als 1. Vorstand gewählt. Der Beginn der Chorproben war nicht einfach. Notenmaterial musste erst beschafft und 1946 sollte auch das 100jährige Jubiläum gefeiert werden. Deutschland begann, sich langsam aus Schutt und Asche aufzurichten - soweit es also möglich war versuchte man, dieses Stiftungsfest in würdigem Rahmen zu begehen.
Im Jubiläumsjahr 1946 (im Mai) bot der Verein seinen Mitgliedern die erste Familienfeier nach dem Krieg. Am 21. September fand im "Feldschlößchen" ein Jubiläumskonzert mit Festbankett statt. Den 1. Teil des Programms gestaltete der Jubelchor und die geladenen Chöre Concordia und Vorwärts Neureut, der 2. Teil war ein buntes Programm mit Gesangscouplets, Kapelle F. Oberst, Violinsolo, Akkordeonsolo, Männerchor und andere lustige Vorträge der Mitglieder.
Der Erfolg war überwältigend. Nach so langer Zeit des Leidens waren das Publikum und die Sänger äußerst dankbar, dass sich wieder ein normaleres, leichteres Leben anzubahnen schien, es waren Silberstreifen am Kulturhimmel zu erkennen. Auch sollte der hartgeschundenen Bevölkerung durch diese Veranstaltungen wieder Mut gemacht werden, Mut zum Leben, Mut zum Neuaufbau. Zu dieser Zeit hatte die Verwaltung beschlossen, die Frauen unserer Sänger, die im Kriege gefallen waren oder sich noch in Kriegsgefangenschaft befanden, mit einer kleinen finanziellen Hilfe zu unterstützen.
Der Arbeitsausschuss des Nordbadischen Sängerbundes schrieb an die Gesangvereine und Chorvereinigungen Nordbadens,
"dass trotz unüberwindlicher Hindernisse wir den geistigen und kulturellen Zusammenbruch überwinden müssen. Wir Sänger wollen nicht zurückstehen, wenn es gilt, mit dem völkerverbindenden Liede eine hohe und verantwortliche Mission zu erfüllen."
Diesen Versuch hatte der Liederkranz-Sängerbund ja bereits mit seiner Feier zum 100jährigen Bestehen sehr erfolgreich unternommen.
1948 wurde beschlossen, dass ein Herbst-Konzert (10.10.1948) im "Feldschlößchen" stattfinden sollte. In diesem Konzert sang nicht nur der Männerchor, sondern verstärkt durch etliche Frauen trat auch ein gemischter Chor auf.
Zum 103. Stiftungsfeste erhielt der Verein, da er schon über 100 Jahre alt war, vom Badischen Sängerbund die Schubert-Plakette verliehen. Bei dieser Veranstaltung führte die Sängerfamilie die Operette "Rheinische Liebe, rheinischer Wein" auf. Die Aufführung hatte solch guten Anklang gefunden, dass sie wiederholt werden sollte.
1950 war die Waldenserkirche, die 1944 zerstört wurde, wieder aufgebaut worden. Im April 1952 konnte ein Fest anlässlich der Glockenweihe gefeiert werden, das der Liederkranz-Sängerbund musikalisch umrahmte. In der folgenden Zeit beteiligte sich der Verein bei befreundeten Vereinen an den Stiftungsfesten, Gartenfesten, Sommernachtsfesten oder Sportfesten der beiden Sportvereine von Neureut-Süd, Turnverein und Fußballverein. Der Maitanz wurde von nun an in den Veranstaltungsreigen mit aufgenommen. Der jährliche Ausflug war für die Sänger die Belohnung für ihr unermüdliches Engagement bei den vielfältigen Aufgaben.
Zu seinen jährlichen Weihnachtsfeiern führten die Sänger u.a. Theaterstücke, Operetten oder Singspiele auf:
- "Mein Mädel wohnt am Rhein",
- "Lindenwirtin, du junge",
- "Hochzeit mit Erika",
- "Das Mädel vom Sternenhof",
- "Der Maler von Florenz" u.a.,
die so guten Anklang bei der Bevölkerung fanden, dass sie jeweils wiederholt wurden. Der Liederkranz-Sängerbund hatte offenbar unter seinen Sängerinnen und Sängern schon immer viele gute, schauspielerische und sängerische Talente gehabt.
Die Aufbau-Ära nach dem Krieg war vorbei, viele Erfolge hatte der Verein unter seinem Dirigenten H. Clauss schon wieder erringen können, aber leider verließ er uns im Oktober 1952, da er als Lehrer versetzt wurde.
Am 18.10.1952 trat Kapellmeister Roland Penz seine Dirigentenstelle an. Intensive, gute Probenarbeit begann mit ihm. In seine Dirigentenzeit fällt auch der erste Vorstandswechsel nach dem Krieg. 1954 - 1955 übernahm nochmals Julius Weis jun. die Geschicke des Vereins. Ab 1956 - 1973 war Helmut Dunke Vorsitzender und ab 1973 bis 2007 Lothar Merz. Seit 2007 übernahm Jürgen Dehmer den Vorsitz.
Bereits 1953 verfügte der Chor wieder über 50 Sänger. Am 1.10.1955 kündigte Roland Penz sein Vertragsverhältnis mit dem Liederkranz-Sängerbund. An seine Stelle trat ab Oktober 1955 - 1981 Kurt Ludwig Zimmermann aus Karlsruhe, der die Sänger musikalisch weiterformte und hervorragend leitete.
Das 110jährige Stiftungsfest mit 80 Jahre Sängerbund sollte vorbereitet werden. Da der Liederkranz Neureut-Nord ebenfalls sein 110jähriges Jubiläum feiern konnte, legte der Liederkranz-Sängerbund seine Jubelfeierlichkeiten in das Jahr 1957. Für die musikalischen Aufgaben, die sich der Verein gestellt hatte, wurde ein Flügel angeschafft. Von anderen Gesangvereinen sehr abwartend betrachtet, sollte zu dem kommenden Stiftungsfest ein gemischter Chor gegründet werden, der seine Proben im Herbst 1956 aufnahm; 60 Frauen waren gekommen, die begeistert dieser Idee folgten und mitsingen wollten.
Der Festablauf begann, die Straßen in Neureut waren festlich geschmückt und am 30.6.1957 fand der Festgottesdienst statt, hier hatte der gemischte Chor seinen ersten öffentlichen Auftritt. Am 6.7.1957 war das Festbankett im Festzelt und am nächsten Tag Konzertsingen in der Turnhalle-Süd mit 12 befreundeten Vereinen, später Festzug unter Beteiligung von 22 Vereinen und Freundschaftssingen mit 15 Gesangvereinen. Auf Anregung von Chorleiter Zimmermann ist von Ehrenvorstand Friedrich Crocoll zum Jubiläum ein Text für einen neuen Sängerspruch geschrieben worden, den Herr Engelhardt, Rektor der Hardtwaldschule Karlsruhe, für Männerchor vertonte:
Wir Sänger der Hardt
von fröhlicher Art
steh'n treu und fest in jeder Stund
zu Dir, Liederkranz-Sängerbund!
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| Der Chor im Jahr 1957 |
In den Jahren zwischen dem 110- und 120jährigen Stiftungsfest konnte der Chor unter seinem Dirigenten K. L. Zimmermann große Leistungen erzielen. Rundfunksingen, Bundesliederfeste mit Sonderkonzerten und sonstigen Veranstaltungen zeugten von dem hohen gesanglichen Niveau des Chores, wobei auch Bundeschorleiter Schlageter sein Lob aussprach.
Nach zwei sehr erfolgreichen Sängerjahren des gemischten Chores wurde er ab 1.1.1959 offiziell beim Badischen Sängerbund angemeldet. Für mehr als 110 Jahre Dienst am Lied wurde dem Liederkranz-Sängerbund in der Generalversammlung am 16.l.1960 vom Landratsamt Karlsruhe die Zelterplakette mit Urkunde als Auszeichnung für die in langjährigem Wirken erworbenen Verdienste um die Pflege der Chormusik und des deutschen Volksliedes verliehen.
Karl Friedrich Zelter (1758 - 1832), zu dessen Ehren der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, die Plakette 1956 gestiftet hat, war der Begründer der ersten Liedertafel in Berlin im Jahre 1809. Als Musiker, Universitätsprofessor und Komponist hat Zelter - ein Freund Goethes - sich besonders der Komposition volkstümlicher Männerchorlieder gewidmet und so dem Chorgesang in Deutschland starke Impulse gegeben.
1966 feierte der Verein sein 120jähriges Stiftungsfest mit 10 Jahre gemischter Chor und 10 Jahre Dirigententätigkeit seines Chorleiters K. L. Zimmermann. Vom 16. - 18.7.1966 waren die Feierlichkeiten festgesetzt worden mit Festbankett im Festzelt, wobei der Musikverein unter der Leitung von Heinrich Weyh den Auftakt spielte und der gemischte Chor mit neuem Sängerspruch (Text: Julius Weis, vertont Ortwin Matschinsky) den Liederreigen eröffnete:
Wir grüßen Euch mit hellem Klang
und deutschem Lied und deutschem Sang.
Wir sind vereint in froher Rund
und singen im Liederkranz-Sängerbund.
Am nächsten Tag fand in der Turnhalle-Süd das Konzert- und Freundschaftssingen unter Beteiligung von 27 Vereinen statt, einschließlich des Kinderchores Neureut, der erst im Oktober 1965 gegründet wurde, 120 Kinder hatten Aufstellung genommen unter ihrem Dirigenten Horst Gerwien, u. a. sangen sie "Das Schönste muss man singen, weil man's nicht sagen kann".
Das Konzert wurde als "machtvolles Bekenntnis zum deutschen Liede" gewertet.
1980 wollte der langjährige Chorleiter K. L. Zimmermann uns verlassen. Aus Anlass seiner 25jährigen Chorleitertätigkeit fand ein "Abschiedskonzert" am 7.6.1980 in der Badnerlandhalle unter dem Motto "Freude, Dank und Gotteslob" statt. Es wurde ein festliches Konzert zusammen mit seinen Chören Frohsinn Rüppurr und Liederkranz Daxlanden. Alle drei Chöre trugen deutlich die Handschrift ihres Dirigenten, ihre Vorträge waren diszipliniert und zeigten auch in gemeinsamen Auftritten ein homogenes Bild. K. L. Zimmermann wurde zum Ehrenchorleiter ernannt.
Schweren Herzens mussten die Sängerinnen und Sänger ihren langjährigen Dirigenten ziehen lassen. Seine Nachfolge trat am 15. April 1981 Manfred Klingler aus Daxlanden an. Die Weihnachtsfeier in der Badnerlandhalle wurde die erste Veranstaltung unter neuer Leitung. Den feierlichen Teil gestaltete Manfred Klingler mit den Sängerinnen und Sängern, die musikalische Leitung des bunten Teils lag noch in den Händen von K. L. Zimmermann.
Mit Manfred Klingler hatte der Verein einen guten Griff getan. Schon das nächste Jubiläum im Jahre 1982 unter seiner Leitung stand auf dem Plan. 25 Jahre gemischter Chor Liederkranz-Sängerbund wurde in der Badnerlandhalle am 9.5.1982 mit einem Festkonzert gefeiert. Vom 4. - 6.9.1982 fand das Festbankett mit sehr ansprechenden Liedvorträgen des Jubelvereins statt und der Frohsinn Rüppurr und Hagsfeld, Kirchenchor Daxlanden und Edelweiß Neureut boten musikalisch ihre Festgrüße dar. Am Konzert- und Freundschaftssingen im Festzelt beteiligten sich 24 Vereine.
Am 30.1.1983 gestaltete der Gesangverein die Einweihungsfeier des Gemeindehauses der Waldenserpfarrei und zum Erntedankfest am 2.10.1983 ein Kirchenkonzert, dessen Erlös dem Bau des neuen Gemeindehauses zugute kam. Alles in allem geriet der Abend zu einem Genuss des Chorgesangs. Pfarrer von Oppen wertete das Konzert als sinnfälligen Ausdruck der Verbundenheit des Liederkranz-Sängerbund mit der Kirchengemeinde.
Die Palette der sängerischen Tätigkeiten war vielfältig:
Ein gemeinsamer Familienabend der Chöre des Dirigenten Manfred Klingler; Beteiligung "Am Tag des Liedes 1984", wobei gemeinsam mit der Typographia Karlsruhe gesungen wurde; Gemeindefeste der Waldenserpfarrei; Teilnahme bei einer adventlichen Veranstaltung mit Vico Torriani; die jährlichen Weihnachtsfeiern im Gemeindesaal der Waldenserpfarrei, ab 1994 in der Badnerlandhalle, mit sehr ansprechenden Programmen: Theaterstück, Ausschnitte aus Operette, Lustiges Männerquartett (es wurde immer betont, dass diese Veranstaltungen die beste Werbung für den Verein seien); Kritiksingen bei der Sängergruppe Hardt mit gutem Gesamturteil; 1988 Beteiligung an der vom Land Baden-Württemberg initiierten Veranstaltung "Singendes, klingendes Land"; Jubelfeste der Hardtstiftung; und auch das "Brunnenfest Neureut" feierte der Verein am 7.7.1991 mit; Teilnahme am 17.6.1990 - an der 275Jahrfeier der Stadt Karlsruhe im Schlossgarten, außerdem hatte der gemeinsame Männerchor Neureuts (hier wirken Sänger aller Neureuter Gesangvereine mit) seinen ersten öffentlichen Auftritt. Noch eine regelmäßig wiederkehrende gemeinsame Aufgabe hat sich hinzugesellt: Das Weihnachtssingen auf dem Neureuter Platz. Ab 1994 gestalten die Neureuter Kulturvereine diesen Adventsnachmittag mit Gesang und Ausschank. Der Erlös kommt jeweils der Finanzierung des Probenlokals Lammsaal zugute.
Das 140jährige Jubiläum, zu dem einheitliche, sehr festliche Sängerkleidung angeschafft wurde, feierte der Liederkranz-Sängerbund am 8.11.1986 in der vollbesetzten Badnerlandhalle.
"Musik, du heilige Kunst! Wo der Geist die Flügel hebet, hebt ein lautes Singen an" - unter diesem Motto hat der gemischte Chor und der Männerchor mit seinem Solisten Fritz Gros unter der Stabführung seines Dirigenten Manfred Klingler ein Bekenntnis zur gediegenen und traditionsbewussten Chormusik demonstriert. Das anspruchsvolle Programm wurde am Klavier durch Martin Klingler unterstützt.
1996 war das Jubiläumsjahr zum 150jährigen Bestehen des Vereins. Für das optische Bild wurde neue Sängerkleidung angeschafft. Den Auftakt zu diesem denkwürdigen Jahr bildete die Winterfeier im Januar 1996 in der Badnerlandhalle mit buntgemischtem Programm, der Neureuter Kinderchor unter der Leitung von Horst Keller trat auf und vereinseigene Kräfte brachten einen Operettenquerschnitt "Der Vogelhändler", Theaterstück "Die Pferdekur" und lustiges Männerquartett "Die Stammtischrunde" dar, musikalisch unterstützt durch Heini Weyh.
Die eigentlichen Jubiläumsfeierlichkeiten begannen am 20.4.1996 mit dem Konzert in der vollbesetzten Badnerlandhalle. Wieder einmal bewies Manfred Klingler, dass die Auswahl der Musikliteratur und Zusammenstellung des Programms geglückt waren. Das Publikum war begeistert.
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| Der Chor im Jahr 1996 |
Seit der Gründung liegt eine lange Wegstrecke. Der Geist aber ist der gleiche geblieben. So wünschen wir, dass die Zukunft des Vereins so erfolgreich sein möge, wie die zurückliegenden über 150 Jahre. Ein erfolgreiches Chorschaffen und ein harmonisches Vereinsleben sind die Ziele, die sich der Verein schon damals gesteckt hatte. Sie werden auch in Zukunft beim Liederkranz-Sängerbund oberster Grundsatz sein.




